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SCHUETZ, DOMINIQUE ANNE: Leo & Ludwig. Eine Biografie des Unvorstellbaren. Dittrich Verlag, Berlin 2009. 448 S., 22,80 Euro.



Ein Körper, zwei ungleiche Seelen

Dominique Anne Schuetz erzählt die faszinierende Geschichte eines siamesischen Zwillingspaars: „Leo & Ludwig“. Der Roman führt uns in das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit seinen Destillen, Fabriken und Hinterhöfen, zu Rudolf Virchow und Heinrich Zille.

Von Monika Thees

Man nannte sie Monstra oder auch Missgeburt. Sie fallen unter das, „was man im wissenschaftlichen Sinne Teratologie nennt, d. h. die Lehre von den ‚Wundern’“. Rudolf Virchow sammelte jene „unerhörten und unbegreiflichen Sachen, die gelegentlich am Menschen entstehen“. Sein pathologisches Museum an der Charité Berlin enthielt zum Zeitpunkt der Eröffnung 1899 über 20 000 Präparate, darunter auch tot geborene siamesische Zwillinge. Ein Laune der Natur, so sagt man. Unwissenden galten sie als Ausgeburten der Hölle, man erschlug man sie im Säuglings- oder Kindesalter, andere starben früh aufgrund anatomischer Fehlbildungen, und die, die lebensfähig waren, tingelten später zuweilen als Attraktionen durch die Varietés, wie Chang und Eng Bunker. Leo und Ludwig aber sind schön, intelligent und schaffen als Akademiker den gesellschaftlichen Aufstieg. Sie sind ein Körper, für immer und ihr Leben vereint. Sie sind siamesische Zwillinge, aber sie besitzen zwei ungleiche Seelen.

Leo und Ludwig sind Kunstfiguren. Dominique Anne Schuetz hat bewusst viele medizinische Erkenntnisse ausgeklammert. Es geht ihr nicht um reale Figuren, sondern um die Geschichte, im Untertitel nennt sie ihren Roman „Eine Biografie des Unvorstellbaren“. Leo und Ludwig sind erdacht. Orte und Zeit hat die in Schweiz aufgewachsene und lebende Autorin hingegen konkret benannt: das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, eine Stadt der Hinterhöfe und Destillen, der Beletage und der Borsigwerke, aber auch das frühe Detroit, und auf dem Weg dorthin der Luxusliner Lusitania. Die Details sind aufwändig recherchiert, in sich stimmig und verdichten sich zu einem mitreißenden Sog. So tauchen wir ein in das Jahr 1886, folgen einer jungen Frau zur Entbindungsanstalt in der Berliner Dorotheenstraße: Luise Hartwich schleppt sich über den Flur: „Bitte, ick brauche ’ne Hebamme. Ick habe das Gefühl, es zerreißt mir.“ Es wird eine komplizierte Geburt in dieser Nacht auf den 10. Juni des Jahres. Der junge Arzt hat noch nie einen Kaiserschnitt ausgeführt, er setzt das Skalpell an. Luise stirbt kurz danach.

Der Weg ins städtische Waisenhaus

Die siamesischen Zwillinge erblicken das Licht der Welt, doch ihr Start ins Leben ist alles andere als leicht. Sie sind Halbwaisen, der Kindesvater ist unbekannt, Angehörige wurden von der Mutter nicht genannt, konnten von amtlichen Seite nicht ermittelt werden. Luise war eines jener unzähligen Mädchen vom Lande, die nach Berlin kamen, in „die Stadt der ewigen Unruhe“ und des vermeintlichen Glücks. Sie wusch Gläser und bediente im „Nussbaum“, in jener Destille, in der Heinrich Zille ein helles Schultheiss trinkt und nebenbei zeichnet: Trinker, Huren, Tagelöhner, die Elenden und Verlierer des „Milljöh“. Leo und Ludwig, so hat man sie getauft, erwartet, trotz öffentlichen Interesses und Anteilnahme Virchows, ein vermutlich ähnliches Schicksal, es beginnt in der „Rummel“, im städtischen Waisenhaus, der Verwahranstalt und Kinderfabrik im Boxhagen-Rummelsburger Kiez. (Wer möchte, kann die Wege nachfahren, auf den inneren Umschlagseiten ist ein Pharus-Plan von Berlin, 1902, abgedruckt.)

Wir begleiten die Zwillinge auf ihrer Lebensreise, einer Reise durch eine realistisch genau gezeichnete Epoche und eine Stadt, Berlin. Dominique Anne Schuetz entwirft ein abbildtreues Panorama mit historischen Persönlichkeiten und zeitgeschichtlichen Details, die vergegenwärtigen, wie diese Stadt atmete, schwitzte, schuftete, eine einzige Baustelle war: die neue Nationalgalerie auf der Museumsinsel, der gerade errichtete Schlachthof in Lichtenberg, die wie Pilze emporschießenden Mietskasernen, der industrielle Aufschwung der preußischen Metropole, seit 1871 die boomende Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Schuetz erzählt in bildreicher Sprache, ihr Kommentar ist knapp, nicht ohne Ironie, sie trifft den Punkt, lenkt den Blick des Lesers, macht ihn bekannt mit dem Waisenhausarzt Dr. Brenner und dem Psychiater Dr. Justus von Winterfeldt. Beide greifen ein in das Schicksal der ungleichen Zwillinge, erkennen und fördern ihre Intelligenz, lenken ihre Lebensbahn, bis zum akademischen Abschluss, zur möglichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Oberschicht.

Das ist ihr Glück. Doch der eine blickt aus stechend blauen Augen, die des anderen sind sanft graugrün. Der eine ist dominant, der andere ein sensibler Träumer. „Da tut sich ein tiefer Abgrund auf [...] Sie geben sich als Einheit, obwohl sie als Individuen nicht unterschiedlicher sein könnten“, erkennt Dr. Brenner früh. Die Ambivalenz einer Seele kann erfolgreich gemeistert werden oder sie zerreißen, sie kann sich spalten in der Schizophrenie oder in die Neurose führen, doch Leo und Ludwig haben keine Wahl, sie sind aneinandergekettet, gefangen in einem Körper. Das ist ihre Tragik – und das Vermächtnis gegensätzlicher Eltern.

Wir kennen sie bereits, die sanftmütige Luise aus der Uckermark und ihren Liebhaber, den „Sohn des Industriellen“, wie ihn Schuetz lediglich nennt: einen Millionärsprössling, kühl, berechnend, mit unwiderstehlichem Charme und kalter Arroganz. Er ist ein Leichtfuß, der gerne die Kaschemmen der Stadt aufsucht mit ihren Prostituierten und Halunken, der sich rumtreibt und Luise verführt und sitzen lassen hat. Er wird seinen Söhnen begegnen auf der Fahrt der Lusitania, sich für einen kurzen Moment erinnern im Gespräch mit Leo, seinem Ebenbild. Und er wird gezeichnet werden von Heinrich Zille, dessen Augen kein Detail entgeht, der ein Menschenkenner ist, einer, der beobachtet und mehr sieht als die glatte Oberfläche eines einnehmenden Gesichts.

Der Wunsch nach Abgrenzung, Autonomie

Dominique Anne Schuetz, die als Texterin und Creative Director in der Werbung gearbeitet hat, bevor sie sich seit Anfang der neunziger Jahre auf das Schreiben und die bildende Kunst konzentrierte, ist eine überzeugende Darstellung gelungen, ein Roman, der spannungsvoll und farbig eine Epoche schildert und das Leben eines außergewöhnlichen Zwillingspaars, das Geist, Bildung als auch Schönheit vereinte, das großes Glück hatte und dessen Leben doch unweigerlich in einem unauflösbaren Dilemma enden muss. Die Symbiose des Gegensätzlichen, so erfolgreich sie sich erweist im Kampf um Respekt und soziale Anerkennung, in der Aneignung von Wissen und Kultur, sie muss scheitern im Persönlich-Individuellen, im Intimsten und Einzigartigen des Menschen, der Liebe. Der gemeinsame Körper kann ein Kind zeugen, ihre zwei Seelen jedoch streben nach Abgrenzung, nach Autonomie.

Das Motiv ist nicht neu und aus der Literaturgeschichte bekannt, überraschend und aufregend ist die Aufbereitung durch Dominique Anne Schuetz: „Leo & Ludwig“ ist eine packend geschriebene Geschichte über „einen Fehler der Natur“, die manche „very exciting“ nannten, andere abstoßend, anomal. Sie schildert eine Zeit, die von Umbruch und technologisch-wissenschaftlicher Erkenntnis geprägt war, doch auch von Ungleichheit und wilhelminischem Geist, sie handelt von Menschen und Schicksalen und von dem faszinierenden Weg ungleicher Zwillingsbrüder. Sie erzählt von der Suche nach ihrer Herkunft, von der Liebe der an einen Körper gebundenen ungleichen Seelen zu derselben Frau – und ihrem Ende, das keiner wollte und doch nicht zu verhindern war.

SCHUETZ, DOMINIQUE ANNE: Leo & Ludwig. Eine Biografie des Unvorstellbaren. Dittrich Verlag, Berlin 2009. 448 S., 22,80 Euro.