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Vom CDU-General zum renitenten Gesellschaftsdenker


Angela Merkel schenkte Geißler Diskussions-Duell mit Star-Philosoph Sloterdijk

Von Stefan Jalowy

Berlin, 04.03.2010 – Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende gratulierte, lobte und überließ dann die weiteren Worte des Abends dem möglicherweise wohl radikalsten Mitglied der CDU: Heiner Geißler. Der einstige christdemokratische Spitzenpolitiker hatte sich zu seinem runden Geburtstag einen Streit gewünscht – Angela Merkel schenkte dem Jubilar einen Abend im Foyer des „Konrad-Adenauer-Hauses“. Im Mittelpunkt ein Diskussions-Duell zwischen dem prominenten Globalisierungs- und Kapitalismus-Kritiker Geißler und Deutschlands wohl bekanntestem Philosophen Peter Sloterdijk. Leider blieb das Duell aus, Geißler gab den scharfen Mahner, Sloterdijk einen eher liberalistischen Mittelstands-Versteher und Angela Merkel trat nicht Geißler zuliebe „attac“ bei. Ein Abend ohne Überraschungen zu Ehren eines politischen Schwergewichts, das statt für altersmilde Pensionärs-Reminiszenzen immer wieder für pointierte Anmerkungen zum politischen Tagesgeschehen wie zu lebensnah intellektuellen Blicken über den gesellschaftlichen Tellerrand gut ist.

Heiner Geißler feiert heute seinen 80. Geburtstag. Und es fühlt sich merkwürdig an, denn im Grunde wirkt der ehemalige CDU-Generalsekretär und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit deutlich jünger. Um es in gefühlten Lebensjahren auszudrücken: der Geißler vermittelt die pragmatische und intellektuelle Vitalität eines 26jährigen. Von gleich drei 26jährigen und auch wenn das jetzt eher quergedacht erscheint – dann könnte diese Anmutung durchaus dem scharfgeistigen wie scharfzüngigen Querdenker entsprechen. Denn der 1930 in der württembergischen Büchsenmacherstadt Oberndorf am Neckar Geborene durchlief nach seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg gleich drei Lebensabschnitte, die ihn ebenso unterschiedlich wie auf unvergleichliche Weise prägten. Die das heute 80 Jahre jung werdende CDU- und „attac“-Mitglied zu einem der wenigen substantiellen Widerständler wider die Ökonomisierung und Profanisierung unserer einstmals prinzipiell demokratischen Gesellschaft qualifizieren. Heiner Geißler, der Jesuit. Heiner Geißler, der CDU-Spitzenpolitiker. Heiner Geißler, der Gesellschaftsdenker.

Drei Lebensabschnitte, die in Summe ein Lebensalter von 80 Jahren ergeben und dreigeteilt unter dem Bruch jeweils 26,666 Lebensjahre.

Der rote Faden im Leben des Heiner Geißler ist aus den Lehren, Grundwerten und Diskursen des Jesuiten-Ordens geflochten, dem er nach Jahren als Schüler am Kolleg St. Blasien mit 19 Jahren als Novize beitrat. Um nach nur vier Jahren sein Leben als Pater zu beenden und den Orden zu verlassen – mit einem ebenso ehrlichen wie selbsterkennenden Eingeständnis: „Ich war voller Idealismus, musste aber feststellen: Ich schaffe das nicht. Ich hatte drei Gelübde abgelegt: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Zwei davon, das wurde mir klar, konnte ich nicht halten.“ Dennoch studierte er an der vom Orden geführten Hochschule für Philosophie in der Münchner Kaulbachstrasse, einem Refugium gesellschaftlich wie theologisch kritischer, lebensnaher und oft visionärer Studien. Glaube, Gerechtigkeit, die Option für die Armen und ein solidarischer Ausgleich zwischen „oberen“ und „unteren Gesellschaftsschichten“ – Stichworte einer sozialen Moraltheologie, die den Lebensrealitäten der Menschen statt einem fundamentalistischen Astral-Katholikentum zugewandt war und ist. Lebensrealitäten sollte Heiner Geißler nach Beendigung seines anschließenden Studiums der Rechtswissenschaften in München und Tübingen für kurze Zeit als Richter am Amtsgericht Stuttgart kennen lernen. Um dann 1962 als Leiter das Büro des baden-württembergischen Ministers für Arbeit und Soziales zu übernehmen. Da war Heiner Geißler schon ein Jahr lang Vorsitzender der Jungen Union seines Heimat-Bundeslandes. Es folgte eine Politiker-Karriere auf der Überholspur: Bundestagsabgeordneter, Sozialminister in Rheinland-Pfalz – zehn Jahre lang und unter drei Ministerpräsidenten, Generalsekretär der Bundes-CDU und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit unter Helmut Kohl.

Und auch wenn der Name Heiner Geißler bis vor wenigen Jahren vor allem durch seine oft polemischen Äußerungen als CDU-General in Erinnerung war – als Sozialminister hat der jesuitisch geprägte Christdemokrat gesellschaftliche Maßstäbe gesetzt. Als Minister für Soziales, Jugend, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz von 1967 bis 1977 war er verantwortlich für das erste Kindergartengesetz, das erste Krankenhausreformgesetz und das erste Sportförderungsgesetz in der Geschichte der Bundesrepublik. Zudem war er Initiator und Gründer der ersten Sozialstationen. Erziehungsurlaub, Anerkennung von Erziehungs-jahren in der Rentenversicherung und Erziehungsgeld – Heiner Geißler hat viele Innovatio-nen und Reformen in der Sozial- und Familienpolitik aufs Gleis gesetzt.

Das Credo Geißlers orientiert sich maßgeblich am Werk des Sozialreformers und Jesuiten Heinrich Pesch (1854 - 1926). Der Begründer der katholischen Soziallehre erkannte, dass zwischen dem Individuum und der Gesellschaft ein wechselseitiges Abhängigkeits- und Verpflichtungsverhältnis besteht. Aus diesem Grundgedanken entfaltete Pesch sein „soziales Arbeitssystem“, in dem der Mensch und der Dienst am Gemeinwohl als Ziel der Wirtschaft definiert werden. Vordenker Pesch befürwortete Privatwirtschaft und freie Konkurrenz, die aber der sozialen Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl als regulative Prinzipien unterstellt sein sollen. Seine Überzeugungen sind im Ahlener „Ur-Programm“ der CDU von 1947 enthalten, das den damals 17jährigen Jesuitenschüler Geißler aufgrund seiner Ausrichtung an der christ-lichen Soziallehre maßgeblich zu seinem politischen Engagement in der Jugendorganisation der Christdemokraten motiviert haben dürfte.

So sind die Prinzipien der katholischen Sozial-lehre traditionell Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität und Gerechtigkeit. Hinzu kommen heute die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Option für die Armen, die ebenfalls in die Soziallehre integriert wurden. Positionen, die von Heiner Geißler in seinen fast 50 Jahren als aktiv mitgestaltender christdemokratischer Politiker in gesellschaftliche Diskurse wie in konkrete Gesetze eingebracht wurden. Und dies höchst streitbar und in teils äußerster intellektueller wie polemischer Schärfe.

So ortete Geißler 1977 zahlreiche namhafte linksliberale Künstler und Politiker als „Sympathisanten des Terrors“ (der Rote Armee Fraktion – R.A.F.), bezeichnete 1983 die SPD als „Fünfte Kolonne der anderen Seite“ (im Zusammenhang mit der Stationierung nuklear bestückter Mittelstreckenraketen in Deutschland) und musste sich 1985 von Willy Brandt anhören, er sei „der schlimmste Hetzer seit Joseph Goebbels“. Nein, ein Leiser und Stiller war Geißler nun wirklich nie. Aber eben auch einer, der den Mund aufmachte und zugleich auch für seine Überzeugung die persönlichen Konsequenzen übernahm. So wurde er von Helmut Kohl 1989 als Generalsekretär abgesägt , nachdem Geißler sich mit seinem damals quasi allmächti-gen Parteichef über den weiteren Kurs der CDU überworfen hatte. Dennoch blieb er den Christdemokraten noch bis 2002 als Mitglied im Parteipräsidium und im Bundesvorstand erhalten – immer als wortgewaltiger Querdenker.

Und seinen Beitritt zur globalisierungskriti-schen Organisation „attac“ im Mai 2007 kommentierte er so: „Das gegenwärtige Wirtschaftssystem ist nicht konsensfähig und zutiefst undemokratisch, es muss ersetzt werden durch eine neue Wirtschaftsordnung.“ Konsequenterweise stellte sich der prominente CDU- Pensionär während des Weltwirtschaftsgipfels in Heiligendamm auf die Seite der Demonstranten und erklärte: „Wenn mich einer anfasst, dann schlage ich zurück – und wenn es ein Polizist ist, dann schlage ich zurück. Wenn ich demonstriere, dann übe ich ein Grundrecht aus, dann lasse ich mich nicht anfassen – von niemandem.“ Wirklich lustig fanden seine Parteifreunde solche Statements und Überzeugungen nicht. Auch nicht, als Geißler bereits ein Jahr vor der Explosion der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 / 2009 wieder einmal Klartext sprach und ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, „in dem Hedgefonds unkontrolliert arbeiten können, sogenannte Geier-Fonds riesige Gewinne auf Kosten hochverschuldeter afrikanischer Länder machen und in dem der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Arbeitnehmer wegrationalisiert werden“, als „krank, unsittlich und ökonomisch falsch“ bezeichnete.


Nein, leicht gemacht hat es Heiner Geissler niemandem. Nicht den Parteifreunden, nicht den politischen Gegnern, nicht den Journalisten. Und auch sich selbst hat es der blitzgescheite, scharfzüngige und stets in kritischer Gratwanderung balancierende Vollblutpolitiker nie leicht gemacht. Ein Verkünder leicht verdaulicher Polit-Phrasen ist der einstige General- sekretär der CDU und Bundesminister für Familie, Soziales und Gesundheit nie gewesen. Dafür einer, der die sozialen und moralischen Grundwerte sowohl seiner Partei als auch unserer Gesellschaft schlicht und einfach ernst nahm und sie immer noch ernst nimmt. Vermutlich sehr zu seinem Bedauern aber findet er heute weder in der Politik noch in der medialen Öffentlichkeit Köpfe, mit denen er einen lange schon überfälligen Diskurs über die unmittelbaren wie mittelfristigen Perspektiven sowohl unserer demokratischen Gesellschaft wie unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems einleiten oder führen könnte.

Der Diskussionsabend in der Berliner Bundeszentrale der CDU am gestrigen Vorabend seines 80. Geburtstages wurde ihm von seiner Parteivorsitzenden Angela Merkel als Präsentkorb überreicht. An Stelle einer Magnum-Bouteille gehaltvollen Rotweins wurde dem passionierten Weinbauern (er besitzt einen Weinberg in der Lage „Gleisweiler Hölle“) Deutschlands wohl auflagenstärkster und bekanntester Philosoph Peter Sloterdijk im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses vis-a-vis gesetzt. Und als schillerndes Schleifchen dienten die Vertreter der sogenannten Leit- oder Mainstream-Medien der Republik. Doch auch wenn Heiner Geißler, der sich zum Geburtstag „einen Streit“ gewünscht hatte, klug und mit brillierendem Verstand mit dem Vorzeige-Denker die intellektuellen Klingen kreuzte – ein Schlagabtausch zwischen Positionen, Profilen und Perspektiven kam dann doch nicht zustande. Und das obwohl doch Angela Merkel bei ihrer kurzen Laudatio Geißlers und der Anmoderation des Duells Geißler ./. Sloterdijk gemahnt hatte: „Ich hoffe sehr, Sie enttäuschen uns nicht beim intellektuellen Schlagabtausch, meine Herren.“

Geißler kritisierte im Zusammenhang mit den Hartz IV-Gesetzen erneut FDP-Vorsprecher Guido Westerwelle, da dieser als Regierungsmitglied „auf den Schwächsten der Schwachen regelrecht herumtrampelt. Das geht nicht.“ Doch der als „Swami D. Peter“ in den 70ern im Poona-Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh („Osho“) als Sannyasin sozialisierte Sloterdijk betrachtete lieber die Befindlichkeit des Mittelstands als Steuerzahler, die mit ihren fiskalischen Abgaben die von Hartz IV-Zahlungen Abhängigen existentiell stützen und empfiehlt eine „neue Geberkultur“. Immerhin bezeichnete Sloterdijk seine Zeit in der Bhagwan-Community, deren Mitglieder zu Zehntausenden ihr Vermögen dem gewitzten Guru überschrieben, als eine „irreversible“ Erfahrung und den charmant wie suggestiv Spenden vereinnahmenden „Meister“ als „eine der größten Figuren des Jahrhunderts“. Kein Wort zu den vom Jubilar identifizierten „Geier-Fonds“, dem Werte-Vakuum des Kapitalismus jenseits von „Angebot und Nachfrage“. Kein Schlagabtausch, kein Diskurs – so kann man abendfüllend aneinander vorbeireden.

Doch genau das ist eines Heiner Geißler nicht würdig. Rede und Gegenrede, Argument und Gegenargument, das Annähern und Vereinbaren gemeinsamer neuer Wahrheiten und Überzeugungen – da gehörte der „Herz-Jesu-Sozialist“ Geißler hin. Als Initiator, Motivator und leidenschaftlicher Polarisierer einer immer dringender notwendigen Revision und gerechteren Innovation unserer Wirtschaft, unserer Politik und vor allem unserer Gesellschaft. In die Mitte einer breit geführten Diskussion über unsere und unserer Kinder Zukunft. Geführt mit Worten, die nicht nur Philosophen und Politikwissenschaftler verstehen – sondern ebenso die Menschen in den Warteschlangen vor den „Kunden“-Schaltern der JobCenter wie auch die Mitbürger in den marmornen Tempeln der globalen Finanz- und Wirtschafts-Hauptquartiere.

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