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Illegal Immigrants

Von der Emigrantin zur Photo-Legende: Sylvia Plachys poetische Bilddokumente des Alltags in Schwarz & Weiß. (Foto: Stefan Jalowy)

Berliner Ausstellungen: Sylvia Plachy im „Willy-Brandt-Haus“

Von der Emigrantin zur Photo-Legende: Sylvia Plachys
poetische Bilddokumente des Alltags in Schwarz & Weiß


Stumm, mit matten Augen sitzen und stehen die farbigen Männer in einem Raum von gekachelter Kühle, irgendwo in der New Yorker Bronx. Sie sind Illegale, in der Amtssprache der US-Einwanderungsbehörde „illegal aliens“, „illegale Fremde“. Die Aufgegriffenen scheinen sich In ihren schäbigen, aber offenbar wetterfesten Synthetik-Windjacken zu verstecken. Vor den Konsequenzen ihrer nach den Gesetzen der USA unrechtmäßigen Einreise in das „gelobte Land“ Amerika. Und doch hebt keiner der Männer den Arm, schützt sein Gesicht und damit seine Würde vor dem Objektiv der Fotografin.

Vielleicht weil Sylvia Plachy, die selbst als Kind mit ihren Eltern 1956 aus Budapest floh und in New York landete, den schutzlosen Männern ihre in dieser Situation stark gefährdete Würde lässt. Mag sein, dass Plachy nur zu gut weiß, wie es sich anfühlt heimatlos, entwurzelt und Fremd zu sein. Die Illegalen sind irritiert, aber sie schauen zur Kamera wie zu einem weißen Ritter, dem sie instinktiv vertrauen. Nicht zuletzt, weil Sylvia Plachy als Frau ein sensibleres Empfinden für Schutzlosigkeit, Schutzbedürfnis, Fürsorge aufbringt als mancher männliche Fotograf.

Weil sie empathisch die Situation mitfühlt und empathisch fotografiert. Und dabei doch als Chronistin des Lebens abseits schriller Schlagzeilen, blendenden Scheinwerferlichts oder gleißender Blitzlichtgewitter Augen, Gesichter, Stimmungen entdeckt – und mit dem Betrachter teilt.

Es sind mehr als 70 Fotografien von Sylvia Plachy, die bis 28. März
im 2. Stock des „Willy Brandt-Hauses“ an der Wilhelmstraße zu sehen
sind. Die Mehrzahl der sorgfältig gerahmten Abzüge besteht aus
Schwarzweiß-Fotografien, die in fast fünf Jahrzehnten entstanden sind.
Darunter zeitgeschichtliche Dokumente wie das Bild eines älteren
Paares, das in seiner kleinen Wohnung an einem Fernsehapparat die
Bilder der Beerdigung von John F. Kennedy 1963 verfolgt. Es sind diese
kleinen, stillen Momente am Rande des tosenden, wirbelnden Metropolen-
Lebens, mit denen Sylvia Plachy den Betrachter in die Ruhe einlädt.
Betrachten und fühlen, mitfühlen – die Plachy macht es uns einfach.
Manchmal sind es grotesk scheinende Momente, an deren vordergrün-
diger Nebensächlichkeit wir vorbeilaufen – und die uns doch Geschich-
ten vom Leben erzählen. Und es waren genau diese Geschichten, die
Sylvia Plachy elf Jahre lang in jeder Ausgabe des New Yorker Wochen-
Magazins „The Village Voice“ erzählte. 572 Fotografien, die dem Leser
in diesen Momentaufnahmen das aktuelle Lebensgefühl des „Big Apple“
vermittelte.

Das Menschliche

hinter der Fassade der Ereignisse sichtbar zu machen, das gelang und gelingt Sylvia Plachy meisterlich. (Foto: Stefan Jalowy)

Heute zählt Sylvia Plachy zu den berühmtesten Vertretern der immer kleiner werdenden Gruppe von Fotografen aus der Schule eines André Kertesz (Plachys Mentor) oder des „Magnum“-Mitgründers Henri Cartier-Bresson.

Von dem folgende Empfehlung für Fotografen überliefert ist: „Man nähert sich auf leisen Sohlen, auch wenn es sich um ein Stillleben handelt. Auf Samtpfoten muss man gehen und ein scharfes Auge haben. (…) Kein Blitzlicht, das versteht sich wohl, aus Rücksicht vor dem Licht, selbst wenn es dunkel ist. Andernfalls wird der Photograph unerträglich aggressiv. Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Men-schen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“

Das Menschliche hinter der Fassade der Ereignisse sichtbar zu machen, das gelang und gelingt Sylvia Plachy meisterlich. Die einstige Guggenheim-Sti-pendiatin und Mutter des „Oscar“-Preisträgers Adrian Brody („Der Pianist“) steht damit in der besten Tradition der Berliner Photographen-Legende Erich Salomon. In den Dreißiger Jahren prägte Salomon die Illustrierten-Fotografie mit seinen Portraits von damals Prominenten wie Arturo Toscanini, der jungen Marlene Dietrich oder Regisseur Ernst Lubitsch. Erich Salomon gelang es, diese frühen Mega-Stars in privaten Augenblicken natürlich und uninszeniert abzulichten...als Menschen wie Du und ich.

Zur Erinnerung an den 1944 im KZ Auschwitz ermordeten Photographen stiftete die Deutsche Gesellschaft für Photographie 1971 den „Dr.-Erich-Salomon-Preis“, den sie in diesem Jahr vor wenigen Tagen in Berlin an Sylvia Plachy verliehen hat. Sie hätte keine bessere Wahl treffen können.

Die Photo-Ausstellung „Waiting“ mit Bildern von Sylvia Plachy ist bis zum 28. März im „Willy-Brandt-Haus“ zu sehen. Eintritt frei – Lichtbildausweis ist mitzuführen. (Text/ Fotos: Stefan Jalowy)

Fotostrecke mit Silvia Plachy (Fotos: stj)

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