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Das Tacheles erhalten. Internationales Kunsthaus.

super.tacheles.de/cms/


Von Helmut Lorscheid und Franziska Sylla (LÄ 20.4.2010, 9.40h)

Was wäre Berlin ohne die Kunstszene? Nur Kommerz, ein bisschen Party – nur Brandenburger Tor und jede Menge alter, hässlicher Figuren zur Erinnerung an meist noch hässlichere und auch noch ziemlich gewalttätige Männer, die meistens Wilhelm oder Fritz hießen und andere Menschen in den Tod schickten. So was will doch keiner sehen. Warum diese Andenken an Menschenschinder noch nicht eingeschmolzen und zu Achsen für Skateboards umgegossen worden sind, ist unklar.
Die Leute kommen nach Berlin, weil sie etwas Besonderes sehen und erleben wollen. Etwas, das Spaß macht und das es weder in Bergneustadt noch in Bergkarabach gibt. So etwas wie das Tacheles » www.tacheles.de.

Richtig, im Treppenhaus riecht es manchmal etwas streng. Aber das tut es in Bahnunterführungen in der Provinz auch. Aus den gleichen Gründen, das liegt an den Männern. Das lässt sich ändern. Dafür sieht das Tacheles schön bunt aus. Es gibt ganz viele Farbschichten übereinander und wenn einem etwas nicht gefällt, malt er was Neues darüber. Dieses Gemäuer, das auch auf den zweiten Blick so ausschaut, als würde es heute noch abgerissen, wird von Berlin, von Deutschland, ja von der Menschheit ganz bestimmt nötiger gebraucht als ein neues, aber alt ausschauendes Stadtschloss. /www.» heise.de/tp/r4/artikel/29/29263/1.html

Und das Schöne: Das Tacheles ist viel billiger. Mein Vorschlag: das mit dem blöden Schloss einfach sein lassen und das Geld für etwas Sinnvolles ausgeben. Zum Beispiel für das Tacheles. Wäre auch viel billiger – ist schon für drei und eine halbe Million Euro zu haben.

Fundus, das ist jene Gruppe, die in Berlin auch das Hotel Adlon besitzt und in Bad Doberan das Hotel Heiligendamm, http://www.» grandhotel-heiligendamm.de/de/home/gallery/, in dem der berühmte „G 8 Gipfel“ stattfand. Extra für den Gipfel war ein großräumiger Zaun um das Hotel gebaut worden und Demonstranten wurden von der Bundeswehr unter Kontrolle gehalten. Obwohl Bush morgens krank war, Magenverstimmung, das kennt man ja, besonders wenn man sich abends gehörig die Kante gibt – also trotz dieses Ausfalls und obwohl auch sonst nichts Gescheites bei dem Zusammensein rauskam, war dieser Gipfel trotzdem schön und auch wichtig. Sagte jedenfalls die Angela Merkel. Die stammt aus der Gegend. Mecklenburg-Vorpommern heißt das Land und die dortige Landesregierung hat erst im vergangenen Jahr dem Hotelbetreiber, der auch zur Fundus-Gruppe gehört, vier Millionen geborgt, damit das Hotel weiter betrieben werden kann. Die Fundus-Leute haben so lange die umliegenden Gebäude entmietet und teilweise verfallen lassen, bis links und rechts des weißen Edelschuppens keinerlei touristische Infrastruktur mehr vorhanden war. Das mögen die Leute nicht, deshalb ist nichts los. Mit den vier Millionen hätte man das Tacheles kaufen können.

Im Tacheles ist jedenfalls mehr los als in Heiligendamm, so viel steht fest.
Auf 6000 qm2 Fläche, mit 30 Studios zum Selbstkostenpreis, entsteht Kunst, lebt Kreativität. In den vergangenen 20 Jahren haben Tausende KünstlerInnen im Tacheles produziert und ausgestellt. Geschäftsführer Martin Reiter ist sich sicher, auch in der zwei Jahre andauernden wirtschaftlichen Krise blieb das Tacheles „ökonomisch profitabel für Berlin“. Das Kunsthaus hat Gewicht in der Kunstszene, ist eine Touristenattraktion, „die Dutzende Millionen eingespielt hat und die Oranienburger Straße belebt hat, belebt und auch zukünftig beleben wird“, so Reiter. Die „Strahlkraft entwickelte sich in die ganze Welt“. Das Tacheles „ist ein Zentrum, das verschiedene Ströme anzieht“.

Allein 1000 Quadratmeter dienen als Ausstellungsfläche. Dort gab es im vergangenen Jahr 22 große Ausstellungen, zuletzt kuratiert von der italienischen Malerin Barbara Fragogna http://www.» barbarafragogna.blogspot.com/.

Damit soll Schluss sein? Die Tachelesbetreiber mussten für ihren Verein zwar Insolvenz anmelden, geben sich aber hoffnungsvoll und kampfbereit.
Schließlich heißt der derzeitige Verhandlungspartner HSH Nordbank. Dieses für seine außerordentlich seriöse Geschäftspolitik bundesweit bekannte Bankhaus befindet sich überwiegend im Besitz der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein.
http://www.» hsh-nordbank.de/de/homekundenbereiche/homepage.jsp

An beide Landesregierungen hat Martin Reiter einen offenen Brief gerichtet, in dem es heißt: Die HSH Nordbank will die kreative Mitte Berlins zerstören. Wir, der Tacheles e. V., wenden uns mit der Forderung an Sie, die Räumung des Kunsthauses Tacheles in Berlin-Mitte zu verhindern. Das weltbekannte Kunsthaus, Produktions- und Präsentationsort für Tausende KünstlerInnen aus aller Welt, soll durch Ihr Geldinstitut geschlossen werden.

Zu den Hintergründen: Wie schon im Schreiben vom 23.7.09 mitgeteilt, steht der Eigentümer (Anno August Jagdfelds Fundus-Gruppe) des gesamten Areals, in dem auch das Kunsthaus Tacheles angesiedelt ist, auf Betreiben der Gläubigerin HSH Nordbank unter Zwangsverwaltung. Es handelt sich um 16 Einzelgrundstücke mit einer Gesamtfläche von ca. 24 000 qm2, das Tacheles-Grundstück hat lediglich eine Fläche von circa 1250 qm2. Die diesbezüglichen Aussagen der HSH Nordbank sind falsch, es handelt sich nicht um ein Grundstück, das zur Versteigerung steht, sondern um 16 Teilstücke, die laut Gerichtsbeschluss einzeln versteigert werden. Die Zwangsverwaltung hat dem Tacheles immer wieder einen Vertrag in Aussicht gestellt, diese Zusagen aber nicht eingehalten, gleichzeitig wurde auf Räumung geklagt. Nunmehr versucht der Zwangsverwalter das Kunsthaus räumen zu lassen. Die Schließung des Tacheles mit seinen 400 000 BesucherInnen jährlich käme der Zerstörung der kreativen Mitte Berlins gleich. Volks- und betriebswirtschaftlich ist das Ende des Tacheles nicht nachvollziehbar. Eine hoch subventionierte Landesbank zerstört einen seit vielen Jahren nicht mit Steuermitteln geförderten, gemeinnützigen Verein, zugunsten eines nicht bekannten bzw. laut Aussage Ihrer Bank noch gar nicht existenten privaten Investors. Dieser „Noch-Nicht-Investor“ will laut HSH Nordbank eine Großbebauung realisieren, in der das Tacheles angeblich keinen Platz findet. Zum Ersten ist es doch erstaunlich, dass ein Investor (den es laut HSH-Aussagen noch gar nicht gibt) nach wie vor Pläne zu einer 400–600 Millionen Euro teuren Luxusbebauung verfolgt. Zum Zweiten ist ein derartiges Unterfangen auf Jahre hinaus wirtschaftlich unmöglich.

Die 24 000 qm2; in der Mitte Berlins blieben also auch in Zukunft eine Brache, das Tacheles als Besuchermagnet wäre geschlossen und die kreative Mitte Berlins nachhaltig zerstört. Die HSH Nordbank hätte aber einen faulen Kredit aus den Büchern, der erfolglose Eigentümer Jagdfeld wäre seine Schulden los, und der Steuerzahler würde diesen „Deal“ auch noch über die Verlustabschreibungen der Bank bezahlen.

Bei allem gebührenden Respekt, Herr Bürgermeister, dies ist wirtschaftlicher Wahnsinn, es ist daher Ihre Pflicht, diesen Schildbürgerstreich zu stoppen.

Unsere Forderungen lauten:
Die Räumung sofort stoppen, eine Erbpachtlösung zu dem circa 1250 qm2; großen Grundstück des Kunsthauses Tacheles ermöglichen und Ihre Bank anweisen, die kreative Mitte Berlins zu erhalten.

Wir ersuchen Sie um einen zeitnahen Termin, bei dem wir gemeinsam Lösungswege suchen und finden.
Außerdem möchten wir Ihnen die über 70 000 Unterschriften von Unterstützern des Kunsthauses Tacheles überreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Henning Gruner und Martin Reiter
(für das Tacheles Team)
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Zwar haben die beiden Länderregierungschefs ihre marode Bank noch nicht zur Ordnung gerufen – aber es gibt Unterstützung für das Tacheles, aus Politik und Kunst. So hat sich der Maler Jonathan Meese für den Erhalt des Tacheles ausgesprochen und in Kiel bekam Ministerpräsident Harry Carstensen Post vom Fraktionsvorsitzenden der Grünen Fraktion. Dr. Robert Habeck schrieb


„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident ,
lieber Herr Carstensen,

mir liegt ein offener Brief des Kunsthauses Tacheles in Berlin vor. Das ist für Kulturschaffende und Kulturinteressierte eine zentrale Anlaufstelle in Berlin. Nun ist Berlin weit – aber dennoch gibt es einen konkreten Anlass, dass ich Ihnen in dieser Sache schreibe. Das Gelände des Tacheles wird von der HSH Nordbank beglaubigt. Der Eigentümer (Anno August Jagdfelds Fundus-Gruppe) des gesamten Areals, in dem auch das Kunsthaus Tacheles angesiedelt ist, steht unter Zwangsverwaltung. Laut Gerichtsbeschluss sollen die verschiedenen Grundstücke jetzt einzeln versteigert werden, was das Ende des Tacheles wäre. Eine Alternative liegt in Form eines Erbpachtvertrages vor.
Mir ist klar, dass die HSH Nordbank in dieser Sache nicht „regiert“ werden kann.

Dennoch möchte ich Sie bitten, sich des Themas anzunehmen und im Rahmen Ihrer Möglichkeiten für das Tacheles einzutreten.
Mit besten Grüßen ...“
Die Antwort aus Kiel steht noch aus. Alle, denen etwas an Kunst und Kultur in Berlin gelegen ist, sollten mitmachen, Ideen entwickeln und Eigeninitiative ergreifen, um das Tacheles, diesen weltweit bedeutsamen Kreativraum, zu erhalten.

Andere Stimmen zum Thema: http://www.» zeit.de/newsticker/2010/1/14/iptc-bdt-20100114-598-23546558xml



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