Im G8 - Machtrausch: Wir sind Weltgipfel

Was die Welt zusammenhält.


Heiligendamm / Berlin. Der Welt Wirtschaftsgipfel der G8-Mächte in Heiligendamm war ein voller Erfolg. Im Tagungszeitraum vom 6. bis 8. Juni 2007 leitete die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Hochform die Treffen. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika George W. Bush und Gipfel- moderatorin Merkel präsentierten göffnete, runde Tische.


Die G8- Weltmacht 2007

Hinter Bush schaut Tony Blair in die Kamera. Es wird sein letzter G8-Besuch während seiner Amtszeit als Premier des Vereinigten Königreichs von Großbritannien sein. Links neben ihm sitzt Italiens Weltmacht, Präsident Romano Prodi. Für Kanada ist mit dem jüngsten G8-Mitglied, dem 48 Jahre alten Stephen Harper, ein weiteres Frischfleisch auf dem Supermachtmarkt eingetroffen. Wahrscheinlich weil er neu ist, bleibt die Nachfrage noch unauffällig. Vis à Vis zu Bush und Merkel sitzt am runden Tisch der Japanische Premierminister Sinzo Abé. Rechts neben Abé lächelt EU- Kommissionspräsident Hugo Manuel Barroso in seiner Position als EU-Vertreter, sein Land Portugal ist weder Mitglied im G8-Kreis, noch eine Industrienation.


Neu im G8-Club: Nicolas Sarkozy aus Frankreich

Auf dem Foto oben nicht zu sehen ist Nicolas Sarkozy, der frisch gewählte französische Präsident. Läuft alles glatt, was seine Anhänger ihm wünschen, prägt Sarkozy die nächsten zehn Jahre die EU- und die Weltgeschichte von Frankreich aus mit. In einer Pressekonferenz gab er sich charmant: Beim Betreten des überfüllten Saals mit einer halben Stunde Verspätung, rief er im Lauf zum Pult: "Haben Sie Fragen?" und brachte so die internationale Presseschar zum Schweigen - und Schmunzeln.


Frisch bei den G8: Nicolas Sarkozy (Foto: medienmodul)

     
  Fotos mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Heiligendamm 2007    
     



Bürger zu Gast auf dem Weltgipfel


Die Macht der Bürger war in Kühlungsborn und Heiligendamm zu spüren. Manch ein Journalist oder Tourist erlebte neben den Polizeibeamten eine Sitzblockade auf den Schienen der Mecklenburgischen Bäderbahn Molli. Die 101jährige "Mollibahn" fährt mit ihren historischen Wagen und Lokomotiven aus den Jahren bis 1932 auf der Strecke Bad Doberan- Kühlungsborn- Heiligendamm.

Die Presse wurde beim Streik per Bus, Wasser- oder Luftwege zum Ziel gebracht. Personengruppen, die mit dem Hubschrauber oder dem Boot ins Tagunsviertel wollten, mußten eine Erklärung unterschreiben, die Anbieter bei Schadensfall nicht zu verpflichten.

Mollis Nostalgie - Touch springt sofort auf die Passagiere über. Fotografen kriegten kaum genug, die Fahrt bis Heiligendamm zum nächsten Termin war mit unter fünzehn Minuten viel zu schnell vorbei. Darauf hatten drei Stunden lang fünf Waggons voll dokumentationssüchtiger, Kamera schwenkender Männer und Frauen warten müssen, weil Molli von Demonstranten blockiert war und die Windstärke an der Küste für eine Überfahrt zu hoch.


Am Donnerstag, den 7. Juni, wollten Vertreter der weltweit agierenden Bürgerinitiative "Greenpeace" ins Sperrgebiet vordringen. Sie boten gegen 10.30 Uhr in Strandnähe von Kühlungsborn, eine filmreife Wasserjagd. Eines der vier Boote wurde von der Polizei laut TV-Beobachter Phoenix, schlussendlich gekentert. Mehrfache Abwehrmanöver der Polizei und Gespräche zwischen Beamten und den Aktivisten, von Bord zu Bord, bewegten Greenpeace nicht zur Umkehr. Hartnäckig wollte die Gruppe das Sperrgebiet erreichen. Die Maßnahme Kentern eines der Schlauchboote in lebensbedrohlicherweise, wäre den Zaunhütern auf Wasser erspart geblieben, hätte die Polizei den Gipfelstürmern wenigstens beim zweiten Kontakt die Luft aus dem Schlauchboot gepiekst. Die Wasserjagd hätte niemand vermißt, aber auch niemand das Wie, denn der "Fast - Kopfabschnitt - Kentererfolg" der Polizei wird wohl nicht ohne Konsequenzen bleiben.


Filmreife Wasserjagd in Kühlungsborn, Ostsse, eine Ortschaft vor Heiligendamm, dem Tagungsort der G8-Mächte. (Foto: sylla)



Gipfel, gipfelig, gipfeliger, am gipfeligsten


So ein G8-Treffen hat es in sich. Ein langer Weg liegt hinter über 24 Regierungschefs, ihren Vertretern und den Aktivisten und Initiativen aus der ganzen Welt. Monatelange Vorbereitungen schürten hohe Erwartungen an die Verhandlungen und Ergebnisse des Clubs der bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wirtschaftlich mächtigsten Nationen. (Mehr Historie : www.g-8.de)



Weltorganisation darf nicht im G8-Club verbleiben


Die Zusammenkünfte de Luxe an der deutschen Ostseeküste in Heiligendamm demonstrierten eine neue Offenheit gegenüber Fragen der weltwirtschaftlichen Organisation, die, so Thomas Bruha, vom Verein der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen in Berlin, "nicht allein im G8-Kreis" verbleiben dürfen, sondern Staaten der Schwellen - und Entwicklungsländer miteinbeziehe. Das sei seiner Meinung nach Bundeskanzlerin Merkel während der Gipfelgespräche in sogenannten "Outreach 5" und "Outreach Afrika" - Verfahren gelungen.


"Outreach 5" : G8 plus fünf !


Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte die G8-Regierungschefs einfach mit den Ministerpräsidenten aus China, Hu Jintao, dem Premierminister Manmohan aus Indien, dem Premier Luiz Inacio Lula da Silva aus Brasilien, dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón Hinojosa und Präsident Thabo Mvuyelwa Mbeki aus Südafrika- unter dem Arbeitstitel Outreach 5 (O5) - zusammen an einen Tisch.



"Afrika - Outreach": G8 plus Afrika !


Die gleiche Zeremonie leitete die Kanzlerin mit der Arbeitsgruppe "Afrika- Outreach". Daran teil nahmen die Staaten Algerien mit dem kleinwüchsigsten Präsidenten der G8-Outreach-Runde Abdelaziz Bouteflika, Senegal mit Präsident Abdoulaye Wade, Ghana mit Multi - Führungsnatur John A. Kufuor und Nigeria mit Präsident Umaru Yar`Adua sowie der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, Alpha Oumar Konaré. Der geladene ägyptische Präsident Mohamad Hosni Mubarak blieb dem Gipfeltreffen fern.


Kanzlerin Merkel und Präsident Kufuor (Foto: mmb)

Heiligendamm-Prozess

Der Beginn des Dialogprozesses in Heiligendamm, der sogenannte Heiligendamm-Prozess - wird von weiteren Internationalen Organisationen begleitet. Die Vereinten Nationen, vertreten von Generalsekretär Ban Ki-moon, der auch Mitglied im Nahost Quartett ist (Nahost Quartett) nahmen an den Sitzungen teil. Ebenso der Internationale Währungsfond, vertreten von Direktor Rodrigo de Rato y Figaedo, der OECDs mit Generalsekretär Angel Gurria und die Internationale Energieagentur, vertreten durch Claude Mandil.


Die G8-Diven treffen afrikanische Staatschefs

Erst G8-Mitglied Putin, dann Präsident Kurfuor. Nach dem Outreach Afrika- Treffen mit den G8-Mächten Freitag Vormittag um 9.00 Uhr, bekam Ghanariese Präsident John Kufuor Gelegenheit, sich Wladimir Putin zu nähern. Kurfuor und dem russischen Präsidenten folgten die anderen afrikanischen Staatschefs auf dem Weg ins Kurhaus. (Foto: sylla / mmb)


Als sich die Delegiertentruppe aus der Gruppenbild gegen 10.15 Uhr löste, wurde die Kanzlerin von UNO- Generalsekretär Ban Ki-moon ins Gespräch verwickelt, dieser rempelte dabei fast Musterknabe Putin an. Putin wartete gelassen und Ghanas Präsidenten Kufuor, der auch Vorsitzender der Südafrikanischen Union ist, steuerte erfreut auf Putin zu.

Der mächtige Russe, der privat auch mal mit Delfinen spielt, liess tagszuvor die Welt wissen, er wolle mit Einverständnis des amerikanischen Präsidenten George Bush eine gemeinsame Raketenstation in Aserbaidschan zur Abwehr möglicher Angriffe aus dem Iran aufstellen. Bush sagte zu und überraschte damit noch mehr, und Aserbaidschan willigte laut Pressemeldung in der Berliner Zeitung vom 9. Juni ein.


Putin lächelte angestrengt. Das schwarze Oberhaupt ist sich gewiß, seine aufmerksamkeitserregende Statur flößt manchem mehr als Respekt ein. Aber Kufuor war bereits um 8.35 Uhr von Angela Merkel offiziell empfangen worden; betrat der Ghane den roten Teppich vor dem Kurhaus in Heiligendamm anfangs noch wachsam wie ein Raubtier, liess er sich von der Kanzlerin schnell durch ihre offene Haltung vor den Augen der Weltpresse weichstreicheln. Kufuors Stirn entspannte sich von Minute zu Minute und seine Kontaktlust stieg. Gutgelaunt spazierte er mit der Kanzlerin nach der Arbeitssitzung zum Fototermin vor das Haus Mecklenburg.

Beobachter sehen in der Körperhaltung des russischen Präsidenten eine militärische Kampfausbildung und nicht die eines Straßenkämpfers oder Legionärs. Kontrastreiche Oberhäupter in Heiligendamm treffen sich im Rahmen des Welt Wirtschaftsgipfels. Jeder kalkulierte Auftritt ist auch eine Gelegenheit, neue Verbindungen zu suchen oder wiederzufinden. Ohne eine Kulisse, die pompöse Macht symbolisiert, wäre ein G8-Treffen ein lockeres Meeting unter Idealisten, allenfalls Wissenschaftlern.

Mit der ganzen Tragweite des weltweiten Interesses können aber nur Schwergewichte aus der praktischen Welt rechnen. Verabredungen treffen, um über die Herausforderungen in der Welt zu reden, über alle nationalen Belange eines Staates, die auf verfassungs - demokratische und friedliche Regierungsmethoden hin zu überprüfen wären. Da ist der Rahmen der neu zu justierenden Welt-Wirtschaftsordnung noch nicht klar. Woran sollen sich die Weltmächte langfristig anpassen? Solche Fragen könnten alle auch im stillen Kämmerlein beantwortet werden, vom Schreibtisch aus. Das hätten die Hauptsymbole der Weltmacht im 21. Jahrhundert wohl nicht getan. Sie hätten tausende Menschen tatenlos gelassen, ihnen das vorenthalten, was sie ihren Wählern versprechen können an drei gemeinsamen Tagen, die Möglichkeiten mittel- und langfristig Gelegenheiten zum (weltweiten) Geldverdienen, Werben, Demonstrieren oder Feiern. Die G8 setzte sich an die Spitze von Klimaveränderungsfragen, Globalen Demokratiewünschen und offene Netzwerke und nutzte damit die Treffen 2007 in Deutschland für eine erneuerte, zentrale Position.

Kurfuor betonte in seiner Rolle als Sprecher der Afrikanischen Union in der Arbeitssitzung am Freitag ausdrücklich, die afrikanischen Staaten wollten ihren Beitrag leisten, damit aus dem Outreach-Prozess in Heiligendamm "eine echte Partnerschaft werde", (Pressemitteilung der deutschen Bundesregierung). Kufuor wolle dazu ein Gremium einrichten, das die Zusammenarbeit begleite und überprüfe.

In der Afrika -Abschlusserklärung bekannte sich der G8-Club zu den gemachten Versprechungen, die politischen Strukturen an den Stellen in Afrika zu stärken, wo es weiterhin Handlungsbedarf gebe: In den Gesundheitssystemen, in den Regierungsführungen, in den Bereichen wirtschaftliches Wachstum und Investiotion, im Kampf gegen Armut, Hunger und Krieg. (G8-Gipfelerklärung auf www.g-8.de).


Kufuor läuft an der Spitze - nach Merkel. (Foto: sylla)

Weltweiter Kampf gegen Infektionskrankheiten

Im Hintergrund der Dialogprozesse in Heiligendamm mit den Outreach-Vertretern präsentierten Sprecher einflussreicher Nichtregierungsorganisationen, wie die Ärztin Francois Ndayishimiye, vom "The global Fund", ihre Anliegen im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Über Presseverteiler informierte sie über die skandalösen Versprechensbrüche, die die G8-Staatschefs im Rahmen der AIDS Hilfen und gegen den Kampf von Tuberkulose und Malaria an der afrikanischen Bevölkerung begangen hätten. Zwei Tage lang nahm sie Stellung zu ihren Vorwürfen in den Pressezentren von Kühlungsborn und Heiligendamm.


Francois Ndayishimiye von "The Global Fund" spricht mit EU- Vertreter Barroso. (Foto: sylla)

     
  Mehr Infos zu The Global Fund: Pressesprecherin Noam Perski - The Globa Fund, Europe, Mobiltelefon: +46 708 11 52 62, E-Mail: noam@amgottmitchell.com oder Katja Roll, Mobiltelefon: +49 - 179 210 12 35. Internet: www.amgottmitchell.com   
     


In einer Mitteilung der Internationalen Organisation Oxfam heißt es am Freitag prompt auf die Einigung der G8-Outreach-Arbeitsgruppe auf die 60 Millionen Euro Hilfe für den Kampf in Afrika gegen HIV/AIDS, "it should be seen for what ist is -a small step when we need giant leaps." (auf deutsch: "man muss sehen, was es ist, ein kleiner Schritt, wo wir Meilenstiefel benötigen.")


     
 
Mehr Infos zu Oxfam:
Pressesprecherin Tricia O´Rourke, Mobiltelefon: +49 (0) 176-68 03 10 77, Amy Barry: +49 (0) 176- 68 11 84 22, Jörn Kalinski: +49 (0) 171 - 83 60 631 oder im Internet: www.oxfam.com.  
 
     



Den mutigen gehört die Welt: Wir sind Weltgipfel

Während die Vertreter der selbst ernannten Weltenchefs über allgemeine Richtungen bei den Forderungen und Pflichten mit den G8-Anrainern verhandelten und stritten, nutzen andere kreative Bürger, darunter Opportunisten, freie Journalisten, Historiker oder Werbeleute, ihre Zutrittsmöglichkeiten zum G8 -Gipfel für Filmaufnahmen, Kunstfotos oder persönliche Vorträge und vor allem, das riesige Medienaufgebot aus der ganzen Welt. "So viel Presse hat es für uns noch nie gegeben", sagte längst vorher der Attac Sprecher bei einer Pressekonferenz in Berlin mit Neummitglied Heiner Geißler (CDU). Auch gemäßigtere Kritiker haben vom Gipfel-Feeling, im Nachhinein zugeben, etwas abbekommen.



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Alles sicher beim Nickerchen. (Fotos: mmb)

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Von Franziska Sylla (Text, Fotos), Heiligendamm, Kühlungsborn , 6. - 8. Juni 2007. (LÄ 25.6.07, fs)


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