EM 2008 Aus Sicht echter Fans Ein Leserbrief

Fußballspiel zu Event stilisiert: Fans unerwünscht

Der normale Fan hat nun schön langsam mit der Fußball-Europa-Meisterschaft 2008 abgeschlossen. Doch wir, die wir sechs Spiele der deutschen Elf komplett live im Stadion verfolgten, können noch nicht abschließen mit diesem Fußball-„Fest“.

Zu sehr belasten uns die falsch gelaufenen Dinge aus dem Hinter- und Vordergrund der Organisation:

An Tickets zu kommen war im Vorfeld der EM beinahe unmöglich, außer man hatte Geld im Überfluss und konnte sich bei Ebay eindecken. So hatten wir zu viert genau fünf Karten für drei Spiele, als wir mit dem Wohnmobil nach Österreich reisten. Wir gaben über 150 Bestellungen für unsere Familien und Freunde bei der Uefa ab, um an der Verlosung teilzunehmen. Das Problem hierbei war, die Uefa und vor allem der deutsche Fußballbund vergaben die Karten vorzugsweise an Sponsoren, an Firmen, die in den Austragungsorten vertreten sein sollten, an ihre eigenen wohlhabenden Bekannte, nicht an den „normalen“, aber echten Fan. Ohne Beziehungen ging hier nichts.

Die, so in den Umlauf gebrachten Tickets fanden sich sehr häufig auf dem Schwarzmarkt wieder, denn die bedachten Leute hatten oft gar kein Interesse an den Spielen, sondern am rasch verdienten Geld, die Preise pro Schwarzmarkt-Eintrittskarte für die Vorrunden gegen Polen und Kroatien schnellten bis auf 1.000 Euro hoch.

Gekauft haben vor allem die kroatischen und polnischen Fans, die Deutschen sahen die Fußball-EM bei einem der Public-Viewings. Im nachhinein wird mir die zahlenmäßige Unterlegenheit der Deutschen Fans im Stadion klar. Die angereisten Fans, die mit ihren Karten ins Stadion kamen, waren überwiegend der Kategorie Modefan zuzuordnen.
Darunter litt erneut die Stimmung der Leute, die in den deutschen Fankurven saßen: Die Mode-Fans sangen die deutschen Lieder nicht mit, sie beäugten uns, als seien wir irgendwie anders. Störten wir die Fans beim Singen?

Doch damit nicht genug der Fehlorganisation. Die Uefa streichte Gewinne in Millionen Höhe ein, kein Wunder, bei den Preisen während der EM. Bei den Public Viewings, die wir besuchten, kostete ein Bier 4,50 Euro. Die Ticket- und Fanartikelpreise bereiteten uns ein schlechtes Gewissen, wofür benötigt die Organisation so viel Geld? An anderen Orten der Welt würden die Uefa-Millionen eventuell auch sinnvoll eingesetzt werden können, da vergeht einem die letzte Lust am ausgelassenen Fußball-Fan-Sein. Wie hoch wäre der Verlust der Uefa gewesen, wenn ein Bier 2,50 Euro gekostet hätte, anstatt 4,50 Euro?

Damit nicht genug, als Fußball-Fan und nicht nur der deutschen Nationalmannschaft, wird die Feierlaune im Stadion deutlich mehr eingeschränkt, der frühere Fankult ist unerwünscht. Die Fahnen dürfen nur eine bestimmte Länge habe, Megaphone sind verboten, endlos lang war die Liste nicht erlaubter Gegenstände und Verhaltensmuster. In der Hausordnung war vermerkt, Getränke auf den Boden schütten, ist nicht gestattet. Ein Wunder, dass es überhaupt noch etwas zu trinken in den Stadien gab - ach ja - damit ist ja wieder Geld zu verdienen.


Fanmeile Berlin am 20. Juni 2006 nach dem 3 : 0 gegen Equador sahen so Fans der Sieger aus. (Foto : mmb/sylla)

Mir wird als Fan immer bewusster, wie unwichtig ich eigentlich geworden bin. Das Fußballspielen wurde zu Events stilisiert, zugänglich für ein auswählbares Eventpublikum, bei dem es um Ledersessel, schöne Hostessen und gutes Essen in den Vip-Bereichen geht. Bei den echten Fußballfesten stehen Gefühle im Vordergrund, unsere Emotionen, das wahre Leben eben. Der Eventfan erwartet stets „gute Spiele“ und freut sich nur über die Siege des eigenen Teams, kaum läuft es mal schlecht, mosern und meckern sie. Die sind ihrer Mannschaft nicht treu - hier muss ich mich fragen, wo ist die Leidenschaft geblieben, sein Team auch mal wieder nach vorne zu peitschen? Wie sehr hat sich doch der Fußball verändert!

Die Uefa setzte vorbestrafte Hooligans aus Klagenfurt als Ordner im Stadion und in der Stadt ein.

Schön war, dass die Europa-Meisterschaft 2008 in Skifahrerländern Schweiz und in Österreich stattfand, auch wenn diese touristischen Gegebenheiten im Sommer kaum interessierten. Beide Gastgeberländer waren sehr gastfreundlich und sind den deutschen Fans durchaus wohl gesonnen. Die Fußball-Ereignisse wenigstens, wurden in Ländern ausgetragen, die ein großes Interesse am Fußball zeigen, bei richtigen Fußballnationen eben. Nur so wird auch die Leidenschaft am Fußball erhalten (siehe 2006).

Wir freuen uns auf eine perfekt organisierte und komplett sichere EM 2012!
Johannes E., Bernhard A., Gregor L. & Jürgen T.


WM - Aus für Deutschland Zwei Minuten vor Spielende erwischt Argentinien die zweite Tor-Gelegenheit und gewinnt das Halbfinale 2006 als die bessere Mannschft - . (Fotos : medienmodul)

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